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Grenzfall

 

Seit ein paar Jahren befestigt die US-Regierung die Grenze zu Mexiko. Ein Besuch im Niemandsland.

 

Veröffentlicht  in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN, November 2009

 

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Dan Watman gestikuliert durch den neuen Grenzzaun in San Diego, um mit einem Mann auf der mexikanischen Seite zu kommunizieren. Zwischen ihnen liegt der ehemalige Friendship Park.

 

 

 

Die mexikanisch-amerikanische Grenze am Strand zwischen San Diego und Tijuana

 

 

 

 

 

 

 

Einer von vielen Grenzzäunen: Eine Fahrzeugblockade in der Sonora-Wüste südlich von Tucson

Karl Hoffman, Dokumentarist des Grenzgebiets um Arivaca, an einem Teilstück der Grenze mit Metallzaun.

 

Fotos: Nina Rehfeld

 

 

 

 

"Hallo, mein Freund!", ruft Dan Watman durch den amerikanischen Grenzzaun zwischen San Diego und Tijuana einem Mann auf der anderen Seite zu. "Was machst du so?" Eine Windböe vom Meer verwischt die Antwort, und Watman formt mit der Hand einen Trichter um sein Ohr, um besser zu verstehen. Noch vor ein paar Monaten hätte er die Hand des andern schütteln können. "Friendship Park" heißt dieser Flecken rund um den weißen Obelisken, der 1849 hier platziert wurde, um die neuen Landesgrenzen nach Mexikos Abtritt des heutigen amerikanischen Südwestens an die USA zu markieren. Nach Norden erstreckt sich ein Naturschutzgebiet, der kalifornische Border Field State Park, nach Süden blickt man auf die Strandmeile von Tijuana und einen Apartmentkomplex in den Hügeln dahinter.

Achtunddreißig Jahre lang war Friendship Park Treffpunkt von Familien, die auf beiden Seiten der Grenze lebten. Man berührte sich durch den Drahtzaun in den Dünen oder umarmte einander durch die Eisenstreben am Strand, küsste Babies, reichte Briefe und Geschenke von hüben nach drüben. 

 

Initiiert wurde der Park 1971 vom damaligen kalifornischen Gouverneur Ronald Reagan –  jenem Mann, der sechzehn Jahre später in Berlin Michail Gorbatschow zurufen sollte: "Tear down this wall!" Die Berliner Mauer und der Eiserne Vorhang fielen wirklich. Aber in San Diego begann man mit dem Bau einer neuen Mauer. Wo vorher ein schlichter Zaun die mexikanisch-amerikanische Grenze markierte, wurde Anfang der Neunziger ein metallener Wall errichtet. Nur Friendship Park blieb ausgespart. „Wir haben hier auf beiden Seiten des Zauns binationale Picknicks, Yogastunden, Salsaunterricht veranstaltet“, sagt Dan Watman, der dazu den Verein Border Encuentro gründete. Sonntagnachmittags zelebrierte ein kalifornischer Pfarrer die katholische Messe und reichte Oblaten und Messwein durch die Maschen. Dann zog die amerikanische Grenzpatrouille Ende 2008 einen zweiten Zaun und machte Friendship Park zum Niemandsland machte. Jetzt müssen Worte und Blicke dreißig Meter überbrücken. Es werden nicht länger Umarmungen und Oblaten ausgetauscht, sondern Stinkefinger in Richtung der amerikanischen Grenzpatrouille hochgerissen. Und Dan Watman veranstaltet neuerdings Kurse in Gebärdensprache.

 

Es ist Ebbe, und am Strand könnte man um die geräumig platzierten Eisenstreben herumspazieren, in denen die Grenze hier ausläuft. Aber prompt taucht ein Jeep der Grenzpolizei auf. Nein, sagt man uns, wir dürfen hier nicht einfach hinüberspazieren, das wäre Grenzfriedensbruch. Wir müssten schon die offiziellen Übergänge benutzen.

 

Von der anderen Seite ist der Zaun durchlässig. Am Wochenende spielen oft Kinder zwischen den Eisenstreben, manchmal schlagen ganze Familien auf der amerikanischen Seite ihr Lager auf, eine Geste trotziger Missachtung. Die Grenzer lassen es geschehen. Nur wenn einer aus dem Süden plötzlich nach Norden sprintet, der Skyline von San Diego entgegen, jagen sie hinterher. Manche Flüchtlinge, erzählen die Männer mit den schusssicheren Westen, rennen einfach den Strand entlang, andere paddeln auf Surfbrettern hinüber. Hin und wieder werden Ertrunkene angespült, einmal haben sie einen gerettet, der sich an einen Basketball klammerte. "Die meisten Mexikaner können nicht schwimmen", sagt ein Grenzer, „wenn sie im Meer von einem Sog erfasst werden, war´s das." Nachts ist hier besonders viel los - auch mit dem zweiten Zaun. Die Verstärkung war nötig, sagt man uns, weil am Grenzzaun ein reger Handel mit Drogen und Geld vonstatten gegangen sei. Manche hätten sogar Babies herübergereicht.

 

162 390 illegale Einwanderer hat die amerikanische Border Patrol im Bezirk San Diego, dem mit siebenundneunzig Kilometer kürzesten Grenzabschnitt, im Etatjahr 2008 festgenommen. Dank des Sekundärzauns habe sich schon im ersten Monat des Jahres 2009 ein fünfundzwanzigprozentiger Rückgang abgezeichnet.

 

Aber auch die zweite Mauer wird die Flüchtlinge nicht stoppen. "Ja, die Mauer ist höher geworden", sagt der Taxifahrer in Tijuana mit Blick auf das neue Bollwerk, das sich neben der Schnellstraße zum Meer entlangzieht. "Die Leitern auch."  Er setzt uns in Tijuanas Vorort Las Playas ab, wo man von den Holzterassen der Strandkneipen aus Süden auf die löcherige Grenze am Strand blickt, und die Versuchung wirkt unwiderstehtlich. Omar Rodas, Wirt der Arcoeidis Taverna, sagt, hier könne man dauernd Fluchtversuche beobachten: "Manche probieren es zu Fuß, manche auf dem Motorrad.“ Rodas ist selbst schon drüben gewesen. Auf einer Klassenreise nach Disneyland setzte er sich ab und lebte sechs Jahre in Los Angeles, bevor er 2005 zurückkehrte und hier seine Strandkneipe eröffnete. Der goldene Norden, sagt Rodas, sei vor allem eine Illusion. "Klar verdienst du Dollar, aber du bezahlst auch in Dollar. Und das Leben besteht nur noch aus Arbeit. Vielleicht zwanzig Prozent schaffen es drüben, der Rest kommt enttäuscht zurück." Dennoch ist der Sog stark. Zwölf Millionen undokumentierte Immigranten leben in den USA, ganze Wirtschaftsbereiche von der Gastronomie bis zur fleischverarbeitenden Industrie sind von den Illegalen abhängig, die für Billiglöhne harte Jobs machen und keine Sozialleistungen beanspruchen. Als George W. Bushs Immigrationsreform 2007 scheiterte, machten viele die mächtigen Lobbyisten aus diesen Wirtschaftszweigen mitverantwortlich.

 

Der Schub ist ebenfalls groß. 2008 lebten 15 Prozent der mexikanischen Bevölkerung in Armut, die weitreichende Korruption und die Eskalation des Drogenkriegs ängstigt viele. Omar Rodas beherbergt derzeit drei junge Männer, die seit Wochen versuchen, über die Grenze zu gelangen. Bisher sind sie immer wieder geschnappt und zurückgeschickt worden. Abgeschreckt hat sie das nicht. Rodas Omar sagt: "TJ is the easy way." In Tijuana zieht sich die Grenze mitten durch zwei Großstädte, man braucht weder die Coyotes, die Menschenschmuggler, zu bezahlen, noch sein Leben in tagelangen Märschen durch die Wüste zu riskieren. Und man kann auf der anderen Seite leicht untertauchen.

 

Auch im Landesinneren hat sich das Leben im Grenzgebiet verändert. Noch vor ein paar Jahren gab es hier allenfalls ein paar Stacheldrahtzäune, die vor allem dazu dienten, das Vieh der Rancher auseinander zu halten. Jetzt bremsen fünf Meter hohe Pylonen und Wachtürme den Grenzverkehr aus. Manche sagen: Sie stacheln ihn erst richtig an.

 

Karl Hoffman kam vor fünf Jahren mit seiner Frau, drei Hunden und zwei Pferden aus Colorado in das Grenzstädtchen Arivaca in Arizona, um mit seiner Nikon das „Verschwinden eines historischen Grenzgebiets“ zu dokumentieren. Arivaca, fünfzig Kilometer westlich von Nogales gelegen, beherbergt zweihundert Einwohner, eine katholische, zwei evangelische und eine Freikirche sowie einen Künstler-Coop und eine Kneipe. Über hundert Jahre, sagt Hoffman, war diese Gegend Ort eines offenen Austauschs. "Aber dann zog man vor zwei Jahren eine Mauer - quer durch Ranches, durch Gärten, durch Familien hindurch.“

 

Hoffmans Fotos zeigen Vaqueros und amerikanische Cowboys beim gemeinsamen Brandmarken der Kälber, Fiestas und Paraden, mexikanische Mütter vor amerikanischen Werbeplakten. Sie zeigen gelagerte Grenzpoller, Wachtürme, Kinderhände in Handschellen. Zu Pferd und in seinem Diesel-Truck durchkämmt er seit 2004 die Sonora-Wüste, „wo sich Amerikas Grenzdebakel abspielt“, wie er sagt. Außer der Grenzpatrouille kennt diese Gegend niemand so wie er.

 

"Hier draußen", sagt er, während er in seiner Küche ein mexikanisches Frühstück aus Chorizos, Bohnen und Tortillas zubereitet, "lebt man in einem Niemandsland. Hier gelten eigene Gesetze". Hoffman war Goldschmied in New York, Türsteher in San Diego und Polizist in Denver, bevor er seine Ranch in Colorado verkaufte und nach Arivaca kam. "Living On The Border" heißt sein Projekt, und interessierten Besuchern bietet er Touren in das entlegene Hinterland Arizonas an, samt Übernachtung und Verpflegung – Bed and Breakfast on the Border, sozusagen. Seine Frau Audrey kocht Marmelade und keltert Wein aus den Kaktusfeigen im Garten, und wenn es sie in die Kneipe zieht, dann reiten sie hin. 

 

Hoffman lenkt seinen Ford F-250 von der schmalen Asphaltstraße Richtung Grenze auf einen rumpeligen Schotterweg quer durch die Wüste. Mesquitebäume und Akazienbüsche schrammen über den Türlack, trockene Wasserläufe, die die wenigen, heftigen Regenfälle des Sommers von felsigen Gebirgsketten herableiten, zerfurchen die karge Weite. Hier und da deutet ein schlichter Drahtzaun die Ausleger einer Ranch an. "In dieser Gegend koeexistieren seit Generationen verschiedene Kulturen", sagt Karl Hoffman. "Aber dann kam Nine-Eleven und Homeland Security, und das ganze Land veränderte sich."

 

Auf einem Hügel vor uns taucht ein Überwachungsturm auf, Fanal der neuen amerikanischen Grenzpolitik. Neun solche Türme wurden 2007 hier installiert, sie sind Teil von "Projekt 28", einem 20-Millionen-Dollar-Testprogramm, mit dem George W. Bush seine Immigrationsreform zu untermauern hoffte. Denn ohne Kontrolle über die 3169 Kilometer lange Grenze war die Durchsetzung einer Reform, die auf die Legalisierung vieler Undokumentierter zielte, aussichtslos. Also installierte der Boeing-Konzern vor gut zwei Jahren auf einer Grenzlänge von achtundzwanzig Meilen Überwachungstürme, die mit hochsensiblen Sensoren jede Bewegung registrieren und detaillierte Daten direkt an die Grenzpatrouille funken sollte. Als einer der Türme direkt vor Arivaca hochging, mutierte das verschlafene Grenzdorf zum Widerstandsnest. „Die Leute hier schätzen ihre Privatsphäre sehr“, sagt Karl Hoffman. „Sie waren außer sich über eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung.“ Es entstand eine merkwürdige Koalition: Drogenschmuggler, Illegale, Bürgerrechtler protestierten gegen die Türme. Aber sie funktionierten eh nicht, sagt Hoffman. "Jetzt bauen sie neue Technik auf die Türme, für noch mehr Geld."

 

Die Befestigung der Grenze hat den Zaunspringern eine neue Rolle zugewiesen – als Spielfiguren der Drogenkartelle. Die Drogenbosse verdienen längst am Menschenschmuggel mit, und sie binden mit strategisch platzierten Flüchtlingsgruppen die Grenzpatrouillenkräfte. "Den Kartellen hat sich hier ein ganz neuer Markt eröffnet", sagt Karl Hoffman. "Sie kamen hoch an die Grenze, und jetzt schwappt die Gewalt herüber." Dreimal ist sein Haus schon ausgeraubt worden, unter anderem verschwanden zwei Pistolen.

 

Alle paar Kilometer finden sich auf unserer Tour durch die Wüste Spuren von Treks: zurückgelassene Pullover, Planen, Plastikflaschen. Außer den Schmugglern und der Grenzpatrouille operieren hier draußen auch Menschenrechtsgruppen, die Wasserflaschen für Flüchtlinge in der Wüste platzieren. Aber die werden auch von Drogenkurieren genutzt, und die Grenzer sehen ihre Arbeit unterminiert. Anstatt zusammenzuarbeiten, sagt Hoffman, torpedieren sich die Interessengruppen inzwischen gegenseitig.

 

Er stoppt seinen Wagen und klaubt etwas unter einem Feigenkaktus hervor – ein Wasserkanister, eingenäht in einen Jutesack. "Einiges, was ich hier draußen finde, nehme ich als Museumsstück mit nach Hause", sagt er. "Manchmal ist es herzzerreißend. Das übelste bisher war ein Vergewaltigungsbaum – behängt mit der Unterwäsche der Opfer, als Protzerei vor dem nächsten Coyote." Die Befestigung der Grenze habe die Lage allseits verschlimmert, sagt Karl Hoffman. „Früher kamen die Leute mit dem Bus. Heute werden sie in lebensgefährliches Terrain und in die Hand von gewissenlosen Schmugglern gedrängt."

 

Wir gelangen zurück auf die Asphaltstraße und halten am Sasabe Store. Sasabe ist ein Grenzdorf mit gerade elf Einwohnern. Die örtliche Schule wird von dreiundzwanzig Schülern besucht, die meisten stammen von südlich der Grenze. Alice Knagge führt den kleinen Gemischtwarenladen in dritter Generation, und auch für sie haben sich die Dinge mit der Befestigung der Grenze verändert. Früher, sagt die alte Dame, seien die Mexikaner eben über den Zaun gehüpft, um sich als Tagelöhner zu verdingen. "Sie haben Reifen repariert, mit der Beladung von LKWs geholfen, Gärtnerarbeiten erledigt", sagt sie. "Dann sind sie wieder rüber gegangen." Viele kauften bei ihr ein, aber seit die Grenze verstärkt wurde, leidet das Geschäft. "Sie sehen ja: Kaum Kundschaft", sagt sie. Die Tür schellt und eine junge Frau kommt herein, aber sie möchte nur die Toilette benutzen. Alice Knagge hebt die Brauen, spreizt die Handflächen und lacht. Um das Familien-Einkommen ein wenig auszubessern, führt ihre Tochter Debra im Hinterraum die kleine Hilltop Bar. Ihre Drinks hat sie nach Drogenkurieren, Menschenschmugglern und der Grenzpolizei benannt – El Burrero, El Pollero, La Migra.

Früher sei sie oft drüben in Mexiko gewesen, heute sei es ihr zu gefährlich. "Viele der Oldtimer sind weg, die jungen Leute kennt man nicht. Ich fahre nur noch rüber, um Schulden einzutreiben", sagt sie.  

Sasabe leidet unter der neuen Undurchlässigkeit der Grenze, sagt Alice Knagge: "Bis vor ein paar Jahren brauchten die Mexikaner nicht umherzuschleichen. Jetzt werden Flüchtlingsgruppen hier durchgeschleust, und sie verwüsten alles.“ Seit dem vergangenen Jahr ist der alte Drahtzaun am kleinen Grenzübergang durch die imposante Pylonen-Kolonnade ersetzt. Aber bloß ein paar Meilen weiter in der Wüste steht man vor niedrigen Metallbarrieren aus alten Eisenbahnschienen - Fahrzeugblockaden. Sie ziehen sich noch ein Stück einen felsigen Hang hinauf, bevor wieder bloß ein rostiger alter Drahtzaun der einzige Grenzmarker ist. Die neue Mauer ist vor allem ein millionenteures Schaustück.

 

Auch in der Mauer, die sich zwischen Tijuana und San Diego entlangzieht, klafft ein riesiges Loch. "Schauen Sie selbst", sagt Greg Abbott vom US Park Service und zeigt auf einen Hügel." Da oben ist einfach Schluss. " Abbott bekämpft im Naturschutzgebiet an der Flussmündung des Tijuana River die Verbreitung invasiver Pflanzenarten, und sein Finger weist auf eine Stelle, die der Migrantenabwehr spottet: Auf einer Anhöhe keine zwei Kilometer vom Strand hört der der alte Zaun unvermittelt auf, vom neuen ist nichts zu sehen. Greg Abbott sieht dort oben ständig Leute in den Canyon auf amerikanischer Seite hinuntersteigen. Oft winken sie ihm zu, und er winkt zurück. Manchmal sind es Flüchtlinge, manchmal Grenzpolizisten. Abbott grinst, zuckt die Schultern und sagt: "Wir tun hier alle Absurdes. Ich reiße invasive Pflanzen aus dem Boden, die niemals aufhören werden, nachzuwachsen. Die Grenzpatrouille fängt Flüchtlinge ein, aber es werden immer wieder neue kommen. Wer von uns tut die größere Sisyphusarbeit?"

 

© Nina Rehfeld

 

 

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