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„Ich stehe ganz
am Anfang“
Interview mit
Dustin Hoffman zu seinem Film „Moonlight Mile“
erschienen im KÖLNER STADTANZEIGER
english
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Mr. Hoffman, Sie
spielen in „Moonlight Mile“ einen trauernden Vater. Eine schwierige Rolle?
Nein, es war nicht schwierig. Ich weiß nicht, warum manche Rollen
schwer sind und manche nicht. „Tootsie“ war schwierig, jedes kleine
Stückchen davon. Das war echt schwer.
Der Mann, den
Sie darstellen, versucht verzweifelt, der Trauer um seine tote Tochter
auszuweichen. Können Sie das nachvollziehen?
Ich bin selbst Vater von sechs Kindern. Wir wissen doch alle, wie
sowas ist. Manchmal machen wir eine ungeheuer schmerzhafte Erfahrung, und
wir blockieren so total, dass es kaum zu glauben ist, welche Macht das
Unbewusste hat. Das Furchtbare an dieser Geschichte ist, dass die beiden
nicht miteinander zurecht kamen. Und sie starb, bevor die beiden das lösen
konnten. Das finde ich bodenlos traurig (Hoffman kämpft mit den Tränen). Es
gibt nichts Schmerzvolleres als den Tod eines geliebten Menschen. Und wenn
man einen geliebten Menschen verliert und irgendwas nicht mehr aus der Welt
schaffen konnte – es gibt nichts Schlimmeres.
Brad Silberling,
der Regisseur, hat diese Geschichte selbst erlebt...
Ja. Er erzählte mir von seiner Freundin, wie sie ermordet wurde, und
warum er dies erzählen wollte. Und ich dachte: Mein Gott, ich habe noch nie
an etwas gearbeitet, was derart persönlich war. Das war der Grund. Nicht die
Rolle. Nichts anderes. Nur das.
Kann man mit Trauer überhaupt „fertig“ werden?
Nein, diesen
berühmten Abschluss, das fertig werden damit, das gibt es nicht, obwohl es
so sehr beworben wird. Bei uns in Amerika heißt es immer: Die Eltern des
Opfers wollen der Hinrichtung beiwohnen, um ein Gefühl des Abschlusses zu
bekommen. Hinterher sagen sie immer alle, dass das nicht passiert. Ich
glaube, was wir eigentlich suchen, ist das Gegenteil: Wir suchen eine
Öffnung. Wir wollen ein Stück von uns öffnen, um Trauern zu können.
Haben Sie sich als Vater von sechs Kindern mit dem
Gedanken beschäftigt …
Nein! Bitte
nicht! Ich bewege mich nicht mal in die Nähe, ich kann nicht … Nein.
Natürlich passiert das. Aber davor fliehe ich. Wissen Sie, kurz nach
Drehbeginn kam mein damals 16-jähriger Sohn heim – er ist inzwischen 18 –
und erzählte, dass einer seiner besten Freunde ums Leben gekommen war. Um
Mitternacht. In einem Autorennen. Es endete an einem Baum. (Schnippt die
Finger) Einfach so. Wir konnten dem nicht ausweichen, denn wir fuhren diese
Straße jeden Tag lang, immer an diesem Baum vorbei. Es war eine
bemerkenswert kleine Beule in dem Baum. Man kann sterben, ohne einem Baum
allzu viel Schaden zuzufügen. Es lagen überall Blumen an dem Baum. Die Kids
saßen dort mit Kerzen. Jeden einzelnen Tag. Wochenlang. Monatelang. Noch ein
Jahr später. Und das war genug für mich. Genug. Wenn sich ein Mensch je
unsterblich fühlt, dann wenn er jung ist. Man ist noch nicht dran mit
Sterben wenn man 15, 16, 17 Jahre alt ist. Es war entsetzlich zu sehen, was
das bei meinem Sohn anrichtete. Ich war sehr nah an diesem Gefühl dran. Ich
musste nicht über meine eigenen Kinder nachdenken. Gott sei Dank.
Nehmen Sie eigentlich manchmal Ihre Rollen mit nach
Hause?
Schalten Sie
ab, wenn Sie intensiv mit etwas beschäftigt sind? Knipsen Sie jemanden aus,
den Sie gerade getroffen haben und sehr mögen? Wenn Sie morgens aufwachen,
was ist dann Ihr erster Gedanke?
Kommt auf den Jemand an.
Nun, bei mir
kommt es auf die Rolle an. (lacht)
Es ist genau das gleiche.
Sie scheinen lieber Verlierer zu spielen als Gewinner.
Täuscht der Eindruck?
Nein. Ich
glaube, ich habe mehr Angst davor, Gewinner zu spielen.
Sie haben Angst?
Nichts verfolgt einen so sehr wie Angst. Das ist der Killer, die eine
Sache, die wir nicht abschütteln können. Stimmt´s? Das schlimmste Gefühl der
Welt. Nun, ich glaube, diese Angst gehört zu kreativer Erfahrung. Wenn man
versucht, einen Roman oder ein Drehbuch oder einen tollen Artikel zu
schreiben, ist die Sorge immer, dass es nicht so gut wird, wie man möchte.
Weil man nicht die Zeit hat, die man bräuchte, Weil man vielleicht nicht
über die nötige Begabung verfügt. Weil dies oder das oder jenes fehlt. Als
Schauspieler haben wir alle dieses Gefühl. Man öffnet morgens die Augen und
fühlt sich wie ein Tennisspieler in Wimbledon. Man hat an diesem Tag das
entscheidende Spiel. Und alles, woran man denken kann, ist: Werde ich es
heute schaffen? Noch bevor man aufsteht: Werde ich mein Instrument
beherrschen? Kann ich diese Verbindung herstellen? Wird meine Energie
ausreichen? Und wir alle wissen, wie sich ein beschissener Auftritt anfühlt.
Erinnern Sie sich an Ihren schlimmsten Auftritt?
Nein, ich
erinnere mich nicht an den schlimmsten. Es gibt zu viele. Aber ich erinnere
die tollen Momente, und das waren
wirklich nur Momente. Wir haben
„Tod eines Handlungsreisenden“ aufgeführt, etwa anderthalb Jahre lang. In
dieser ganzen Zeit gab es vielleicht vier Auftritte, bei denen der Vorhang
fiel und wir uns anschauten – John Malkovich und ich und die anderen
Schauspieler – und fragten: Was war das? Was war das? Es war, als wäre Magie
mit im Spiel gewesen, und man hat keinen Schimmer, wo das herkommt. Es ist
ein ungeheures Gefühl. Aber es passiert nicht allzu oft, oder?
Ist es schwieriger, die komischen Figuren zu spielen
als die traurigen?
Ja. Komödie
ist das allerschwierigste, aber auch das am wenigsten respektierte. Chaplin
hat nie einen Oscar bekommen.
Warum nicht?
Ab und zu
kriegt ein Schauspieler einen Preis und sagt: Es bedeutet mir ungeheuer
viel, weil meine Kollegen mir diesen Preis verleihen. Bei allem Respekt –
die Kollegen zählen nicht viel. Es gibt nur ganz wenige unter uns, die
Großartiges zu schätzen wissen. Komödie ist das Tiefsinnigste, sie trifft an
derselben Stelle wie Musik. Und viel stärker. Es gibt da einen Witz - ich
finde gute Witze sind sehr tiefsinnig. Wenn ich Gott um einen Gefallen
bitten könnte, wäre es, die Autoren großartiger Witze treffen zu dürfen.
Dieser Witz jedenfalls wurde schon vielen berühmten Leuten zugeschrieben.
Der berühmte Mensch also stirbt, und jemand sagt zu ihm: Es ist schwer zu
sterben, nicht war? Und er sagt: Ja, aber Komödie ist noch schwerer. Das
stimmt.
Von wem würden Sie gern ausgezeichnet werden?
Mir ist das
schon passiert, aber es war nicht in Form einer Statue. Ich war mal in einem
Fahrstuhl mit einem Bildhauer, den ich sehr bewunderte, George Segal, er ist
inzwischen tot. Ich habe ihn nicht erkannt, weil man nie weiß wie Künstler
eigentlich aussehen, aber er erkannte mich. Und ich sagte, wie man das eben
macht, eher murmelnd: Ja, Danke, vielen Dank. Irgendweswegen fragte ich ihn:
Wie heißen Sie? Er sagte: George Segal. Ich sagte: Doch nicht der..., und er
sagte: Doch. Ich dachte: Oh Gott. Und Marlon Brando hat mich mal angerufen.
Das ist es. Für jeden Künstler – jemanden zu treffen, der schon dort ist, wo
man noch hin möchte. Ich könnte Ihnen sofort einige nennen. Tolstoi zum
Beispiel, wenn der zu mir sagen würde: Hey, Sie waren echt gut in „Rain
Man“. Das ist alles, was man braucht. Stimmt´s? (lacht)
Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückschauen, hat sich Ihr
Ausblick auf die Schauspielerei verändert? Wie wichtig ist sie Ihnen jetzt,
da Sie ein Star sind?
Ich habe nie damit gerechnet, ein Filmstar zu werden. Und zufällig
habe ich zwei gute Freunde, die damit ebenso wenig rechneten: Robert Duvall
und Gene Hackman. Sie sind beide älter als ich, aber wir hingen zusammen
rum, zehn Jahre lang. Wenn damals, als ich noch als Kellner jobbte, als
Duvall von zwölf bis acht auf dem Postamt arbeitete und Hackman Umzüge
machte, Kühlschränke und Sofas in den fünften Stock schleppte - wenn damals
jemand so was zu uns gesagt hätte, wir hätten uns kaputt gelacht. Und dann passiert
es, ein bescheuerter Unfall. Wir reden immer noch darüber, was für ein
merkwürdiger Traum das ist. Man denkt immer wieder, jeden Moment wachst du auf, an lauter Schläuche
angeschlossen, du warst 50 Jahre im Koma, jemand sagt: Hallo, wie fühlen Sie
sich?, und du bist immer noch ein arbeitsloser kleiner Schauspieler. Dann
rufst du verzweifelt: „Hey, Moment,
ich bin ein Star!“, und sie sagen einem: „Nein, nein, Sie waren nur in einem
langen, tiefen Koma.“ (lacht)
Wie stehen
Sie zu dem Ruhm, der Ihre Person umgibt?
Das ist die
andere Seite der Medaille: Ruhm macht dich fertig. Erfolg korrumpiert. Kein
Weg dran vorbei. Man kann so sehr man will versuchen, das zu reduzieren, man
kann hoffen, eine niedrige Strahlendosis abzukriegen, aber Ruhm ist
radioaktiv. Weil er verführerisch ist. Es geht gar nicht darum, was der Ruhm
einem antut. Sondern darum, zu was er einen veranlasst.
Wozu hat er Sie veranlasst?
Ich drehte
“Die Reifepüfung”. Ich hatte vorher zehn, zwölf Jahre in einer Bar
geabeitet. Ich habe noch nie so viel Geld in einem Jahr verdient. 3000
Dollar für „Die Reifeprüfung“! Und plötzlich landen jede Menge Drehbücher
auf meinem Tisch. Aber meine Integrität ist mir wichtig. Ich lehne sie ab,
eins nach dem anderen, obwohl man mir immer wieder sagt: „Du kannst dafür
ein Traum-Honorar kriegen!“ Aber ich sage: „Nein, das Buch gefällt mir
nicht.“ Dann kommt eines Tages „Midnight Cowboy“, und ich sage: „Das ist
klasse!“ Sie sagen mir: „Den kannst du nicht machen, das ist ja bloß eine
Nebenrolle.“ Aber ich habe meine Ehre, also mache ich den Film. Und dann
lerne ich ein Mädchen kennen, eine Ballerina vom New York City Ballet. Wir
wollen heiraten. Und eines Tages sagt mein Manager – ich hatte nie einen
Manager, plötzlich habe ich einen – „Man möchte dieses Foto von euch
machen“. Ich sage nein, das ist fürchterlich! Aber er sagt: „Denk an die
Villa, die du kaufen möchtest. Wenn du nur dieses Foto machst, kannst du sie
kaufen.“ Okay. Das ist das erste Mal. (weiter)
1 2 Ó Nina Rehfeld
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