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„Lasst Eure Ängste

nicht instrumen-talisieren“

 

Interview mit Filmemacher Michael Moore zu seinem Film „Bowling For Columbine“

 

erschienen bei SPIEGEL ONLINE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mr. Moore, der Titel Ihres Films bezieht sich auf das Schulmassaker an der Columbine Highschool in Colorado im April 2000. Wenige Wochen vor der Präsentation Ihres Films in Cannes 2002 gab es auch im deutschen Erfurt ein Massaker an einer Schule. Was haben Sie gedacht, als Sie davon hörten?

Ich dachte: Okay, einmal alle 50 Jahre rastet auch in Deutschland jemand aus. Das war alles. Machen Sie die Sache nicht größer, als sie ist. Ich hoffe dass die deutschen Medien nicht das machen, was die US-Medien tun würden, nämlich die Tragödie aufblasen zu etwas, das mehr sagt, als gesagt werden sollte.

 

Wieviel sollte denn gesagt werden?

Das ein junger Mann durchgedreht ist und legale Waffen in die Finger bekam.

 

In Deutschland wurde – zufällig - am selben Tag das Waffenrecht verschärft. Halten Sie das für sinnvoll?

Schärfere Waffengesetze werden die Durchgedrehten nicht davon abhalten, durchzudrehen. Sie werden immer einen Weg finden, ihre Wut in die Tat umzusetzen. Es geht nicht um die Waffen. Es geht um private, ganz persönliche und sehr vereinzelte psychische Probleme, und es geht um ein gemeinsames, sozialpsychologisches Problem, wie wir es in Amerika haben: Eine Kultur der Angst, die uns dazu bringt, derart viele Waffen im Haus zu lagern. Warum haben wir diese ganzen Waffen? Wovor haben wir solche Angst? Über 11000 Menschen sterben in den USA jedes Jahr an Schusswaffen, weil wir so viele Waffen herumliegen haben. Ich bin sprachlos angesichts der kollektiven Erfahrung, die wir Amerikaner teilen - fast jeder von uns kennt jemanden, der durch Schusswaffwen verletzt wurde oder umkam. Ich hatte einen Cousin, der erschossen wurde.

 

In Deutschland gibt es diese kollektive Erfahrung nicht, und hier darf niemand Waffen tragen. Kein Zusammenhang?

Sie glauben, dass das auf mangelnde Versuchung zurückgeht. Ich glaube, dass es einen fundamentalen Unterschied in unserer kulturellen DNS gibt. Ihre Gesellschaft hat sich entschieden, aufeinander aufzupassen und sich umeinander zu kümmern. Bei uns funktioniert das so: Wenn du krank wirst in den USA - scheiß auf dich! Wenn du arm bist in den USA - scheiß auf dich!  Wenn du am Boden liegst, treten wir nochmal rein. Das ist die amerikanische Sozialethik, und für mich ist das staatlich geförderter Terrorismus, staatlich geförderte Gewalt gegen die Armen und die, die nichts haben. Ihr Volk hat sich vor langer Zeit dafür entschieden, sich des Problems der Armut anzunehmen. Deswegen hängt Ihre geringere Mordrate nicht nur damit zusammen, dass nicht jeder von Ihnen eine Knarre im Handschuhfach hat. Ich glaube, Sie bringen sich deshalb nicht gegenseitig um, weil Sie eine mitfühlende Gesellschaft konstruiert haben.

 

Nach Erfurt wurde behauptet, dass die zunehmende Brutalisierung der populären Kultur  - Videospiele, Popsongs, Filme - vor allem bei jungen Leuten jedes Mitgefühl löschen könnte...

Das liegt völlig neben dem Thema. Diskutieren Sie nicht länger darüber, verschwenden Sie nicht Ihre Zeit. Die griechischen Dramatiker mit ihren gewaltstrotzenden Stücken brachten nicht andere Griechen dazu, sich gegenseitig umzubringen. Die Aufführung von "Hamlet" verursachte bislang keine Königsmorde.

 

Sie attackieren in Ihrem Film stattdessen die Nachrichtenmedien. Ist die Realität gefährlicher als die Fantasie?

Jeder normale Mensch kennt den Unterschied zwischen Realität und Fiktion sehr genau, und es gibt überall ein paar wenige Verrückte, die den Unterschied nicht kennen. Ich weiß nicht, wie wir uns vor solchen Verrückten schützen können. Aber wenn ich um zehn Uhr abends "NYPD Blue" sehe, weiß ich, dass das eine ausgedachte Geschichte ist. Und dann kommen die 11-Uhr-Nachrichten, die behaupten, uns "die wahre Geschichte" zu erzählen. "Heute abend: Mord in Manhattan! Mord in Queens! Drei Tote in einem Kino in der Bronx!“ Man schaut sich dies völlig verängstigt an, weil einem gesagt wird: Das ist die Wahrheit! Aber es ist eine schiefe Wahrheit. Ja, es passiert, aber wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, das man in einem Kino umkommt? Soll man deshalb aufhören, ins Kino zu gehen? Das Problem sind wir, unsere Psyche, unsere Mentalität.

 

Die Nachrichten sind in Europa längst ähnlich reißerisch wie in den USA...

Ich habe kürzlich die Abendnachrichten des französischen Fernsehens gesehen - "Heute abend in einem Pariser Vorort - drei Bandenmitglieder überfallen einen Mann!" Hey! Ganz ruhig! Aber der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Konservativen, die Rechten sind dabei, die Menschen in Angst versetzen. Denn es gibt keine bessere Methode, die rechte Agenda interessant zu machen, als eine Atmosphäre der Angst zu kreieren. Faschismus blühte stets auf  der Grundlage von Angst - die Angst vor dem Fremden, vor dem Anderen, dem Angriff von Innen. Wenn die Politiker und die Wirtschaftsbosse solche Gefühle manipulieren können, und zwar bis zu dem Punkt, an dem die Menschen wirklich um ihre persönliche Sicherheit fürchten, dann werden die Menschen der Regierung ihre Freiheitsrechte umso bereitwilliger abtreten und zulassen, dass alle möglichen Gesetze verabschiedet werden, die individuelle Freiheiten aushöhlen.

 

Der 11. September hat vor allem in Amerika zu einer erheblichen Verunsicherung geführt. Wie gehen Sie damit um?

Ich versuche den Leuten zu sagen: Fürchtet euch nicht, lasst eure Ängste nicht instrumentalisieren. Man muss doch nur mal hinschauen: Am Flughafen werden uns Nagelclipper, Stricknadeln und Trockeneis abgenommen - habe ich was verpasst? Ist mir der Trockeneis-Terroranschlag entgangen? Was einem nicht abgenommen wird, bevor man in ein Flugzeug steigt, sind Streichhölzer und Feuerzeuge - dabei bezog sich das einzige bedrohliche Ereignis seit dem 11. September auf einen Kerl, der versuchte, in einem Flugzeug seinen Schuh anzuzünden! Aber Feuerzeuge und Streichhölzer sind weiter erlaubt. Sie standen in den USA zwar mal auf der Liste der nicht zugelassenen Gegenstände standen - bis die Tabaklobby durchsetzte, sie wieder zu erlauben. Sind die Interessen der Tabakkonzerne wichtiger als unsere Sicherheit? Oder ist unsere Sicherheit überhaupt von Interesse? Ist sie vielleicht nur ein Vorwand, um ganz andere Interessen durchzusetzen?

 

Ist das nicht ein wenig paranoid?

Wissen Sie, George Orwells Roman "1984" wird stets im Hinblick auf die toale Überwachung durch "Big Brother" zitiert. Aber erinnert sich noch jemand, dass der Grund für diese Überwachung darin lag, dass die Führer dieser Gesellschaft eine andauernde Bedrohung suchten, um ihre Bürger in einem Zustand permanenter Angst zu halten? Jeder halbwegs clevere Politiker der Rechten weiß: Die beste Art, die Leute zur Aufgabe ihre Rechte zu überreden, ist die Erzeugung von Angst.

 

Viele Ihrer Landsleute haben Sie scharf dafür angegriffen, dass Sie die USA verdammen...

Es ist nicht leicht, die USA zu verdammen. Ich lebe dort, und es fällt mir ziemlich schwer. Ich sage nicht gern, was ich in diesem Film sage, denn dies ist mein Land. Ich glaube schon, dass wir allein dafür verantwortlich sind, weil wir eine Atmosphäre geschaffen haben, in der jeder Angst hat, von einem anderen angegriffen oder verletzt zu werden. Ob das der Killer in der eigenen Straße ist, oder die Taliban in Afghanistan - überall lauert ein schwarzer Mann, der uns an die Wäsche will. Manchmal wird tatsächlich jemand verletzt, und schon scheinen sich alle Sorgen bestätigt zu haben. Es tut mir leid für die Amerikaner, die diesen Film missverstehen oder sich gekränkt fühlen von dem, was hier gesagt wird. Aber es muss gesagt werden, und es wird gesagt von einem, der dieses Land liebt und die Leute, die darin wohnen, und der will, dass es besser wird.

 

In Deutschland wurde nach dem Amoklauf von Erfurt die Befürchtung laut, wir würden amerikanische Verhältnisse bekommen. Finden Sie das wahrscheinlich?

Ich mache mir tatsächlich viele Sorgen um die Tatsache, das europäische Gesellschaften zunehmend wie die USA werden. Und ich meine damit nicht die vielen McDonald´s-Restaurants oder die Übermacht der Hollywood-Industrie. Darum sollten Sie sich vielleicht auch sorgen, aber das wird nicht Ihr Niedergang sein. Ihr Niedergang beginnt dort, wo Sie Ihre Ethik der Empathie aufgeben und unsere annehmen. Je mehr Sie unsere Politik der Verachtung und Niedertrampelung der Armen, der Immigranten, derjenigen, die wenig oder nichts haben, übernehmen - je mehr Sie diesen Weg des staatlichen Gewalt gegenüber den Wehrlosen beschreiten, desto stärker werden sich bei Ihnen auch amerikanischen Muster der Kriminalität und Gewalt zeigen. Die einzige Art, das zu verhindern, ist das soziale Netz zu erhalten, dass Sie erschaffen haben. (weiter)

 

Ó Nina Rehfeld

 


                  

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