________________________________________________________________________________________

 

home   texte   interviews   english

 

 

 

Bad Motherfucker? Fand ich cool!

 

 

Oscar-Kandidat Gary Oldman über  Komplimente, Jack Lemmons Grabstein, gute und schlechte Spione und das mangelnde Stilbewusstsein der Amerikaner

 Erschienen bei SPIEGEL ONLINE, 4.2.2012

 

 

 

 

 

 

 

SPIEGEL ONLINE: Mister Oldman, Tomas Alfredson, der Regisseur von "Dame, König, As, Spion", nannte Sie kürzlich "das Schweizer Taschenmesser der Schauspielkunst". Fänden Sie das eine angemessene Inschrift für Ihren Grabstein?

Gary Oldman: Das wäre schön, oder? Gefällt mir! Wissen Sie, was auf Jack Lemmons Grabstein steht? Einfach nur: "Jack Lemmon in"...

 

SPIEGEL ONLINE: Wie in einem Filmvorspann? Sehr hübsch! Aber zurück zu Ihnen. Schweizer Taschenmesser hin oder her, es gibt von John Le Carrés Roman bereits eine Fernseh-Miniserie, in der Alec Guinness die Rolle des George Smiley spielte. Lastete da nicht ein ziemlich großer Druck auf Ihnen?

 

Oldman: Ja, und ich habe auch nicht gleich zugesagt, als mir die Rolle angeboten wurde: Guinness ist ein Gigant. Das war ein ziemlich großer Drache, den ich da in meinem Kopf zu töten hatte. Ich entschloss mich, das Ganze wie eine klassische Rolle anzugehen. Wenn man den Hamlet spielt, muss man sich schließlich auch an den großen Hamlet-Darstellern messen lassen. Aber ich verrate Ihnen etwas: Ein paar Tage vor Drehbeginn erfasste mich eine nie gekannte Panik, dass ich dieser Rolle nicht gerecht werden könnte. Am Set gab mir jemand die Memoiren von Guinness, und er schildert darin, wie ihm exakt dasselbe widerfuhr, als er kurz davor stand, Smiley zu spielen. Es muss etwas mit dieser Figur zu tun haben!

 

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in den Achtzigern und Neunzigern vor allem düstere Figuren gespielt - Sid Vicious, Dracula, Lee Harvey Oswald und eine Reihe unvergesslicher Bösewichte in Filmen wie "True Romance", "Das fünfte Element" und "Air Force One". Draußen sitzt eine junge Journalistin, die deshalb ganz nervös ist...

 

Oldman: Ich weiß nicht, ob sich die Leute vorstellen, in mir eine Version von Dracula oder Lee Harvey Oswald vorzufinden. Aber es ist schon seltsam, wenn die Leute vergessen, dass das alles womöglich bloß Schauspielerei ist.

 

SPIEGEL ONLINE: Können Sie das nicht als Kompliment auffassen?

 

Oldman: Es ist natürlich schmeichelhaft. Ich bin einmal, als ich noch in New York lebte, die Straße entlang gegangen, und mein Blick fiel auf einen Afroamerikaner, der mir schnurstracks entgegenkam. Wir waren vielleicht hundert Meter entfernt, und er sah ziemlich bedrohlich aus. Ich dachte, was will der? Er hielt direkt vor mir an, blickte mir in die Augen und sagte: "You're a bad motherfucker!" Dann ging er weiter. Fand ich irgendwie cool. Naja, die Leute assoziieren mich mit diesen Figuren. Aber hey, vielleicht kann ich das ja abschütteln!

 

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen zehn Jahren haben Sie bewusst Abstand von solchen Fiesling-Rollen genommen...

 

Oldman: Ja, ich war es ein wenig leid, und ich wollte den Kahn in andere Gewässer lenken. Die zehn Jahre, in denen ich im Fantasy-Genre involviert war - mit "Harry Potter" und "The Dark Knight" - haben diese Wahrnehmung ein bisschen aufgehoben. Man ist ja in dieser Industrie Spielball der Erwartungen. Die Leute sehen, wie man eine Sache macht, und möchten das wieder und wieder sehen. Das ist ermüdend. Man kann seine Karriere nur begrenzt manövrieren. Ansonsten ist man der Industrie ausgeliefert und der Phantasie der Leute, die einen besetzen.

 

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie überrascht, als Tomas Alfredson Ihnen den Smiley anbot?

 

Oldman: Ich habe noch keine Figur wie Smiley gespielt, und doch sah Tomas das in mir. Deswegen ist er mein Held, ich liebe ihn dafür. Es braucht jemanden, der die Dinge anders sieht.

 

SPIEGEL ONLINE: Der Spion ist ja eine sehr romantische Figur - wären Sie selbst ein guter Spion?

 

Oldman: Oh nein, überhaupt nicht! Als Schauspieler mache ich ja das Gegenteil. Ich versuche nicht, andere zu täuschen, sondern ich suche nach der Wahrheit, nach dem ehrlichen Moment in einem Menschen. Und ich muss sagen, dass die Spionageroman-Verfilmungen die Figuren, etwa James Bond, immer weiter von den Vorlagen entfernt haben. Daniel Craig kommt der Figur von Ian Fleming vielleicht am nächsten - ein düsterer, gemeiner Kerl. Für mich ist Smiley der ideale Spion, ein total unauffälliger Typ. Aber der smarte Kerl im weißen Smoking? Ich bitte Sie! Eine Zielscheibe!

 

SPIEGEL ONLINE: John Le Carré sagte einmal, er halte es mit Graham Greene, der meinte, die Jugend eines Künstlers sei sein Kapital. In dieser Hinsicht sei er, Le Carré, reich, weil seine Mutter früh verstarb, sein Vater ständig im Knast saß und er selbst seiner Welt einen Sinn geben musste. Sie haben ebenfalls eine von Gewalt und Alkoholismus geprägte Jugend in London durchlebt.

 

Oldman: Meine Familie hat stark unter häuslicher Gewalt gelitten, sie war immer da, es war einfach normal in unseren Kreisen - niemand rief die Polizei, es passierte halt einfach. Und diese Männer existieren noch immer. Ich war nie einer von ihnen, ich beobachtete sie, schaute zu. Mir graut vor Gewalt, und ich mag diese Männer nicht - aber sie faszinieren mich. Womöglich hat man mich deshalb lange in den dunkleren Rollen besetzt: Ich hasse das so sehr, dass mich vielleicht genau das dazu befähigte, es zu zeigen.

 

SPIEGEL ONLINE: Mit "Nil by Mouth" haben Sie 1997 einen Film über einen alkoholkranken Vater gedreht, der seine Familie terrorisiert - zwei Jahre, nachdem Sie selbst dem Alkohol entsagten. War das ein kathartischer Moment für Sie?

 

Oldman: In einem gewissem Sinne schon. Dieser Kreislauf dreht sich und dreht sich - und hin und wieder findet einer in der Generation den Absprung. Diese Gelegenheit bot sich mir.

 

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Sie den betroffenen Menschen mit Ihrem Film helfen konnten?

 

Oldman: Es gibt da blinde Flecken. Ich mache einen Film über Alkoholismus und den Kreislauf der häuslichen Gewalt, die von einer Generation zur nächsten weiter gegeben wird - aber einer meiner Neffen, der mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hatte, konnte das nicht sehen. Er sah diesen Film in der Überzeugung, dass er nie aus diesem Teufelskreis herausfinden würde. Ich sagte: Moment mal! Ich war auch da drin, aber jetzt habe ich diesen Film gemacht. Wach auf, verdammt noch mal! Die Leute brauchen Hilfe, um dort herauszufinden, und wenn sie sie nicht bekommen, wird sich das Rad einfach immer weiterdrehen.

 

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen leben Sie seit mehr als zwanzig Jahren in den USA. Was vermissen Sie heute noch an Ihrer Heimat?

 

Oldman: Ironie. Und Stil. Die Leute kleiden sich ja hier in dieser seltsamen Uniform - manchmal denke ich, wenn ich noch ein einziges pinkfarbenes Sweatshirt sehe, drehe ich durch. Wenn ich nach Europa reise, sehe ich elegant gekleidete Frauen, Männer in Anzügen, und Leute, die echte Schuhe tragen, nicht diese Turnschuhe. Ich glaube, mein Geschmack ist immer noch sehr europäisch, auch in meinem Haus und der Einrichtung spiegelt sich das.

 

SPIEGEL ONLINE: In den neunziger Jahren sind Sie von New York nach Los Angeles gezogen. Warum?

 

Oldman: New York ist einfach zu viel. Es ist, als wenn man auf die Straße tritt und mitten in einer großen Show steht. Das ist sehr anstrengend, und ich kann mir nicht vorstellen, meine Söhne dort aufwachsen zu sehen. Außerdem mag ich das Wetter in L.A., es ist einfach wunderbar für die Seele - ich erinnere mich an den grauen Himmel, die grauen Straßen, die grauen Leute in Europa. Schrecklich!

 

SPIEGEL ONLINE: Dem Hollywood-Zirkus haben Sie sich immer verschlossen. Sie gehören bis heute zu den wenigen Schauspielern, die keinen Presseagenten beschäftigen. Man sagt sogar, der Oscar sei Ihnen egal. Jetzt mal ehrlich!

Oldman: Egal ist es mir nicht, es hat mich einfach nie bewegt. Allerdings bin ich sehr stolz auf diesen Film. Und wenn wir womöglich einen Oscar gewinnen, fände ich das ganz wunderbar. Mir fällt kein Film ein, mit dem ich dort lieber hingekommen wäre.

 

SPIEGEL ONLINE: Toll! Sie haben nicht nur den Alkohol besiegt, Sie sind auch gegen die Ruhmsucht immun...

 

Oldman: Jawohl! Ich bin resistent! Und jetzt gehen Sie bitte und erzählen Sie den Leuten, was ich für ein furchterregender Mensch bin.

 

 

Das Interview führte Nina Rehfeld

 

http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,812969,00.html

 

 

 

 

 

 

nach oben