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„Es war ein
Alptraum“
Interview mit
WOODY ALLEN in der Woche nach dem 11. September über die Stimmung in der Stadt,
politische Reaktionen, seine eigene Karriere und die Liebe.
erschienen in der SONNTAGSZEITUNG
ZÜRICH
english
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Mr. Allen, Sie waren selbst
in New York, als die beiden gekaperten Flugzeuge das World Trade Center
attackierten. Wie haben Sie die Ereignisse wahrgenommen?
Es war ein Alptraum. Es war
eine furchtbare und völlig sinnlose Tat. Die Täter haben 5000 Menschen,
Amerikaner, Engländer, Chinesen, Mexikaner, Christen, Juden, Moslems
umgebracht – ohne Unterscheidung auf grausamste Weise umgebracht, und mit
welchem Nutzen? Ich möchte wirklich wissen, welches Ziel die Menschen, die
dies geplant und ausgeführt haben, verfolgten. Niemand hat etwas dabei
gewonnen – kein unterdrücktes Volk hat Befreiung erlangt, keine Religion ist
hierbei zu Ehren gekommen.
Aber der Terrorismus hat
ein erschreckendes Gesicht gezeigt.
Warum... was hat diese
Leute so stumpf, so gefühllos gemacht? Was ist passiert, dass sie das Leben
so wahrnehmen, dass sie solch furchtbaren, extremen Maßnahmen bereit sind?
Wenn es ihnen nur um unbändigen Hass geht, würde ich sie als albernes Volk
bezeichnen – dann lassen sie einem keine Wahl, als nach dem Motto
vorzugehen: Töte, oder werde selbst getötet.
Haben Sie selbst eine
politische Erklärung für die Geschehnisse?
Wenn es diesen Leuten um
nichts anderes geht, als Menschen umzubringen, dann steht man dem Ganzen
wirklich hilflos gegenüber. Aber ich glaube nicht, dass das alles ist, ich
vermute, es ist weitaus komplizierter, und entsprechend muss man auch damit
umgehen. Amerika und die ganze Welt muss sich bereithalten, mit allem
Nachdruck zu reagieren, aber auch zu verstehen, und in der Lage zu sein,
dies mit aller Gründlichkeit zu untersuchen. Wir müssen uns dem als einem
hochkomplexen Problem stellen, und dürfen nicht als verletzte, wütende
Vereinigte Staaten auftreten. Wir sind ein viel zu großes und mächtiges
Land, und die Welt fasst dies nicht nur als Bedrohung für New York oder die
Vereinigten Staaten auf, sondern für menschliche Werte allgemein. Niemand
will den sinnlosen Tod tausender Menschen ohne jedwedes Ziel. Das ist
Wahnsinn.
Die intellektuelle Debatte
steht momentan hinter den
überschwänglichen Patriotismus-Demonstrationen und Kraftbeteuerungen hintan.
Halten Sie das für gefährlich?
Ja, sehr sogar. Ich halte
es für nötig, dass Amerika auf diese Anschläge reagiert, denn diese Taten
fordern eine Reaktion ohne Frage heraus. Aber diese Reaktion muss sehr, sehr
genau überlegt sein. Es wäre ein Fehler, sich auf eine emotionale, von
Rachegelüsten geleitete Antwort zu verlegen. Es ist sehr wichtig, dass wir
alles daran setzen, die Verantwortlichen zu finden, weil dies ein so
furchtbares Verbrechen ist, aber ich glaube keineswegs, dass das Problem des
Terrorismus ein einfaches ist. Es erfordert eine hochkomplexe
Auseinandersetzung mit der ganzen Sache. Hier geht es um internationale
Kooperationen, den Schutz der Zivilrechte, aber auch militärische Belange -
wobei ich zutiefst hoffe, dass das Militär in minimalem Umfang und nur, wenn
es definitiv keine anderen Möglichkeiten gibt, zum Einsatz kommt.
Macht Ihnen die Figur des
amerikanischen Präsidenten Bush zu schaffen, wenn Sie sich die Konsequenzen
ausmalen?
Die amerikanische Regierung
besteht aus sehr viel mehr Leuten als nur aus Bush. Ich glaube nicht, dass
eine Einzelperson das Schicksal dieser Sache entscheiden kann.
Sie vertrauen Ihrem
Präsidenten also?
Ich bin zumindest
hoffnungsvoll gestimmt.
Welche Konsequenzen werden sich
aus diesen Ereignissen für Hollywood und auch für Sie als Filmemacher
ergeben?
Ich sehe da überhaupt keine
Konsequenzen. Denn die Wahrheit ist, auch wenn dies ein horrendes Ereignis
ist und 5000 Menschen ihr Leben ließen, ist dies aus der großen Perspektive
wenig mehr als ein Nadelstich. Amerika ist ein gigantisches Land mit
hunderten Millionen von Einwohnern, eine Supermacht, doch wie furchtbar auch
immer dies Ereignis sein mag – es wird die wird die Flughafensicherheit
betreffen, aber die Art, wie wir Musik, Theaterstücke oder Filme schreiben,
wird es nicht verändern können.
Sie selbst bringen Ende
Dezember mit „The Curse of the Jade Scorpion“ eine überdrehte
Kriminalkomödie ins Kino, die – wo sonst – im New York der Vierziger spielt.
Stimmt es eigentlich, dass Sie selbst für Komödien nicht viel übrig haben?
Nein, das wird immer falsch
verstanden. Ich liebe Komödien, aber meinen persönlichen Favoriten im sowohl
Theater als auch im Kino waren immer eher ernsthafte Stücke. Ich liebe die Marx
Brothers, ich verehre Charlie Chaplin, Ernst Lubitsch und Billy Wilder. Aber
meine absoluten Favoriten sind Eugene O´Neal, Ingmar Bergman, Tennessee
Williams. Daraus entsteht das Missverständnis: Ich mag Komödien, aber
anderes mag ich noch lieber.
Sie sind mit Ihren Filmen
zum Inbegriff des neurotischen Couch-Patienten geworden, und in Ihrem
neuesten Film werden Sie nun unter dem Einfluss von Hypnose zur höchst
gepaltenen Persönlichkeit. Haben Sie sich tatsächlich je hypnotisieren
lassen?
Nein, ich habe mich nie
hypnotisieren lassen, und ich glaube auch nicht, dass das bei mir
funktionieren würde. Vermutlich würde ich viel zu sehr lachen müssen, wenn
es jemand veruchte. Die Idee zum Film kam mir eines Tages in New York auf
der Straße. Ich dachte: Ein Polizist, der unter Hypnose zum Kriminellen wird
und sich sozusagen selbst jagen muss, wäre eine interessante und komische
Geschichte. Ich wollte immer schon einen Film um einen Mann und eine Frau
machen, die sich nicht ausstehen können, die sich den ganzen Film hindurch
beleidigen, und am Ende doch zusammengekommen. Ich bin mit solchen Filmen
aufgewachsen und fand sie wunderbar komisch. Das einzige Problem war, als
klar wurde, dass ich die männliche Hauptrolle spielen würde, konnte es kein
Polizist mehr sein. Kein Mensch würde glauben, dass ich ein New Yorker
Polizist bin (lacht). Die New Yorker Polizei hat ziemlich rigide physische Ansprüche an
ihre Anwärter, für die ich mich in keinster Weise qualifiziere. Also machte
ich einen Versicherungsbeamten draus.
Es heißt, aus demselben
Grund hätten Sie in Ihrer Jugend einen Karriere als Krimineller in Erwägung
gezogen – weil man Sie bei der Polizei nicht nehmen würde...
Das stimmt. Als ich ein
junger Mann war, gingen alle meine Freunde aufs College, um Ärzte und
Anwälte und Manager zu werden. All diese langweiligen Berufe interessierten
mich überhaupt nicht. Ich hatte keine Ahnung, was aus mir werden sollte, und
als eine Möglichkeit schälte sich schließlich ein Leben in der Illegalität
heraus, was zumindest interessant sein würde. Zuerst dachte ich darüber
nach, ein Spieler zu werden und Geld mit Karten- und Würfelspielen zu
verdienen. Dann dachte ich über ein Dasein als Falschspieler nach, und
schließlich überlegte ich: Wie wär´s mit einem Leben als veritabler Krimineller,
mit Überfällen und allem drum und dran....
Schwer vorzustellen, dass
ausgerechnet Sie die Nerven dazu gehabt hätten.
Ich bin mir nicht sicher.
Aber tatsächlich habe ich sogar darüber nachgedacht, zum FBI zu gehen, weil
ich mich nach einem aufregenden Leben sehnte. Und ich behaupte, ich wäre ein
hervorragender Falschspieler geworden. Ich war schon als Junge ein begabter
Amateurzauberer, und ich bin bis heute ziemlich fix mit einem Kartendeck in
der Hand...
Was hat Sie schließlich
davon abgehalten, Verbrecher zu werden?
Ich entdeckte, dass ich
Witze schreiben konnte, und man bezahlte mich dafür. Eine ganz neue Welt
eröffnete sich. Ich schrieb ein paar Witze und verkaufte sie, und seither
habe ich das beruflich gemacht. Man hat mich direkt nach der Schule
angestellt, um für Radio- und Fernsehshows zu schreiben, und alles andere
verschwand in den Bereich der Fantasie. Aber diese Fähigkeit hat tasächlich
mein Leben verändert. Vermutlich wäre ich auch sonst kein FBI-Agent oder
Verbrecher gewoden, sondern würde in irgendeinem mittelmäßigen
Langweiler-Job versauern
Verglichen mit Hollywood
bezahlen Sie Ihren Schauspielern ein bloßes Almosen. Wie schaffen Sie es
dennoch immer wieder, Superstars vor die Kamera zu holen?
Wir haben nicht viel Geld,
und auch Leuten, die fünf, zehn oder 20 Millionen Dollar pro Film fordern,
können wir nur 5000 Dollar pro Woche bezahlen. Wenn wir zehn Wochen drehen,
kommen auf 50 000 Dollar zusammen, mehr nicht. Aber dies sind ja Leute, die
sonst so viel verdienen, dass sie es nicht wegen des Verdienstes zu tun
brauchen. Wenn sie die Figur mögen, und an keinem anderen Projekt arbeiten,
könnte es klappen. Wenn ihnen natürlich zeitgleich jemand anderes 10
Millionen bietet, wird es schwierig.
Sie glauben wohl nicht an
die Überzeugungskraft Ihrer eigenen Legende?
Nein. Ich glaube daran,
dass sie es lesen sollten. Wäre ja
auch merkwürdig, wenn ich hinginge und sagte: Ich hab hier was, und übrigens
bin ich eine Legende, mehr brauchen wir wohl nicht zu besprechen. Nein, es
gibt durchaus Leute, von denen ich Absagen bekomme – entweder, weil sie
gerade mit Spielberg oder Scorsese arbeiten, oder weil ihnen die Rolle nicht
gefällt.
Oder weil sie sich unterbezahlt fühlen?
Ist auch schon vorgekommen. Jack Nicholson besteht auf seine Millionen,
Dustin Hoffman weigert sich, unter seinem gewohnten Honorar zu arbeiten,
ebenso wie Robert de Niro. Es sind interessanterweise meist Männer. Es
kursiert ja die Theorie dass Männer die Schauspielerei immer noch als
irgendwie gewichtslosen, vielleicht sogar weibischen Beruf betrachten,
während Frauen das völlig normal und wunderbar finden. Die Männer haben
dagegen ein machistisches Bedürfnis nach Selbstbestätigung. Sie bestehen auf
lauter merkwürdigen Dinge, die den Frauen nicht mal in den Sinn kämen. Die
Frauen kommen freundlich und fröhlich an und haben mit nichts ein Problem,
aber die Männer wollen unbedingt den größten Wohnwagen, ein Privatflugzeug,
Millionengagen – Dinge eben, (weiter)
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2 Ó Nina Rehfeld
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